Was ist ein gutes Leben? Wie können wir es gestalten?
In den Sommern 2024, 2025 und 2026 beschäftigt sich das greenlab, das Labor für nachhaltige Entwurfsstrategien an der weißensee kunsthochschule berlin, mit den vielfältigen Verknüpfungen Berlins mit seinem Umland. 2024 stand dabei – unter dem Titel »Stoffwechsel« – zum Beispiel die Versorgung Berlins mit Wasser und anderen Ressourcen im Fokus. Im Sommersemester 2025 folgte mit »Cohabitation – Transformation von Räumen« die intensive Auseinandersetzung mit den Nutzungsmöglichkeiten von (Lebens)räumen in der Region, der Stadt und auf dem Campus unserer Hochschule für menschliche und nichtmenschliche Spezies. In diesem Sommer soll es um Möglichkeiten von Kreislaufwirtschaft in unserem unmittelbaren Umfeld gehen.
Wenn wir unseren Stoffwechsel mit der Welt überdenken und eine Transformation unseres Wirtschaftens in eine Kreislaufwirtschaft vorantreiben, kann uns Designer_innen dabei eine tragende Rolle zukommen: Wir können die Produktkultur von morgen von Grund auf gestalten, beginnend mit der Nutzung von Ressourcen. Was, wenn Ökonomien wieder lokal bzw. regional funktionierten, wenn das, was in unserer Nähe mit hier vorhandenen Rohstoffen produzierbar ist, hier tatsächlich hergestellt werden würde? Wenn wir zu Prosument_innen in einer Kreislaufwirtschaft würden? Und letztlich, wenn es in unserem Leben weniger um Konsum als um Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und Glück ginge?
Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist Deutschland ein rohstoffarmes Land. Stimmt das? Wir haben so gut wie kein Öl, die noch vorhandene Kohle sollten wir im Boden lassen, es findet kein nennenswerter Metallbergbau mehr statt. Andererseits: Wir haben fruchtbare Felder und jede Menge Reststoffe aus der Nahrungsmittelherstellung und Forstwirtschaft, außerdem eine gigantische Menge an Sekundärrohstoffen in unseren Abfallsystemen. Wie können wir all das besser nutzen? Wie können wir Produktionsprozesse so gestalten, dass sie möglichst wenig Abfälle erzeugen und deren Verwendung als Nebenprodukte gleich mitgedacht wird? Wie könnten Produkte in möglichst naturnahen Prozessen entstehen, also eher wachsen als gemacht werden? Wie können dabei Lebensräume für andere Spezies mitbedacht und Natur wiederhergestellt werden?
Das greenlab der weißensee kunsthochschule berlin möchte im Sommersemester 2026 die Potentiale unserer Region erkunden, eine auf Bioökonomie basierende Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. Gemeinsam mit Akteuren aus Land- und Forstwirtschaft sowie Nahrungsmittelherstellung und Forschungsinstituten wollen wir an Materialien und Dienstleistungen für die Region arbeiten. Wir haben uns dabei drei Schwerpunkte gesetzt:
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Zellulose
Der Name Berlin leitet sich wahrscheinlich von der slawischen (genauer: altpolabischen) Wurzel brlo (berlo) ab: »Sumpf, Morast, feuchte Stelle«. Ebenfalls feucht waren die Gebiete um Berlin herum, beispielsweise die Lausitz, deren Name von sorbisch »łuža«, etwa »sumpfige, feuchte Wiesen« stammt. Die Wiedervernässung solcher in jahrhundertelanger landwirtschaftlicher Nutzung trockengelegter ehemaliger Feuchtgebiete ist ein Schlüssel zur Bindung von CO2 in großem Maßstab. Zum Ausgleich für die gegenwärtigen Bewirtschafter dieser Flächen gilt es, neue landwirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten in sogenannter Paludikultur zu entwickeln. Wir wollen Feuchtgebieten als Ökosysteme verstehen, deren Teil wir als Menschen sind und uns damit auseinandersetzen, wie Nutzen für Menschen gewonnen werden kann durch die ganzheitliche Betrachtung dort kultivierbarer Pflanzen wie Grasarten und Weidenbäume und der von ihnen lebenden Tiere wie Wasserbüffel. Zudem soll es um die Entwicklung von Produkten aus Abfallstoffen der Nahrungsmittel- und Holzindustrie gehen. -
Lokale Wolle
Die Wolle einheimischer Schafe, die vor allem zur Landschaftspflege gehalten werden, wird derzeit nicht genutzt. Sie wird verbrannt oder im besten Fall kompostiert. Die Gründe sind vielfältig – es handelt sich um grobe Wolle, die nicht zum Tragen auf der Haut geeignet ist und die Infrastruktur für ihre Verarbeitung (Sortieren, Waschen etc.) fehlt derzeit in Deutschland. Welche Nutzungsmöglichkeiten für dieses wertvolle Rohmaterial lassen sich entwickeln? Wie könnten die Prozessketten aussehen? Wie kann Handarbeit mit für uns zugänglichen digitalen Werkzeugen wie Robotik (z. B. mittels des in unserer Hochschule schon erfolgreich erprobten robotischen Filzens) kombiniert werden? -
Mikroorganismen
Fermentation, also die Verwendung von Mikroorganismen zur Herstellung von Nahrung und Material, ist eine alte Kulturtechnik. Sie wird heute unter kontrollierten Bedingungen in Laboren z. B. zur Erzeugung von Grundstoffen für die Pharmaindustrie oder in der industriellen Lebensmittelproduktion praktiziert. Einen kleinen Boom während der Pandemie erfuhr das Brotbacken zu Hause mit eigenem Sauerteig, manche von uns wissen auch, wie man Kombucha, Sauerkraut oder Kimchi macht. Weniger bekannt ist z. B., dass mit Mikroorganismen gefärbt werden kann – auch ihre Bedeutung für die Bodenfruchtbarkeit ist uns weiterhin zu wenig bewusst. Wir wollen uns im Entwurfsprojekt näher ansehen, wie wir mit Bakterien und Pilzen im Sinne einer lokalen Bioökonomie arbeiten können, also überlegen und erproben, wir wir an kleinen, dezentralen Produktionsorten Materialien und Dinge für den alltäglichen Bedarf in der Region herstellen können.
Zwischen den drei Bereichen wird es natürlich Schnittmengen geben. Wir wollen, gemeinsam mit unseren Projektpartnern, die Ärmel hochkrempeln und hands-on konkrete Vorschläge für eine Zukunft regionaler Kreislaufwirtschaft entwickeln!